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Wirtschaftsflaute: Die Schweizer Industrie steht vor schwierigen Monaten – für die KMU wird es hart

Das konjunkturelle Malaise in Deutschland zieht Schweizer Unternehmen mit herunter. Immerhin gibt es für Arbeitnehmer einen Lichtblick.

Ein Sturm braut sich zusammen, und er könnte die Schweizer Industrie im zweiten Halbjahr voll erwischen. Unangenehm wird die Konjunktur für den Werkplatz auf jeden Fall – aber auch dramatisch? Der Einkaufsmanagerindex der Industrie liegt schon seit sieben Monaten in einem Bereich, der eine Schrumpfung des Geschäfts signalisiert. Im Juli fiel der Frühindikator auf 38,5 Punkte, den tiefsten Stand seit April 2009. Die Produktion sei verbreitet rückläufig, eine rasche Erholung nicht zu erwarten, kommentierte die Credit Suisse warnend.

Die Aufträge brechen weg Gut halten sich Unternehmen, die Produkte für die Energiewende und die Transformation zu grünen Technologien anbieten – zum Beispiel die Industriekonzerne ABB und Sulzer. Weniger Glück haben Firmen, die bei Abschwüngen im Wirtschaftszyklus stets früh in Mitleidenschaft gezogen werden. Dies deshalb, weil sie Dinge herstellen, die andere Firmen zum Ausbau der Produktion brauchen. Und einen Ausbau planen derzeit die wenigsten.

Zu den Leidtragenden gehört zum Beispiel Rieter aus Winterthur. Der Hersteller von Spinnereimaschinen für die Textilindustrie verzeichnete im ersten Halbjahr 63 Prozent weniger Aufträge als im Vorjahreszeitraum. Oder Swiss Steel, der Produzent von Spezialstahl für den Maschinen- und Anlagenbau sowie die Automobilindustrie. Dort sank der Auftragsbestand von Januar bis Ende Juni um einen Drittel, wie das Unternehmen mit Sitz in Luzern in dieser Woche mitteilte.

Noch ist das nicht unbedingt in den Kassen zu spüren. Der Umsatz von Swiss Steel bildete sich «nur» um 13 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro zurück. Rieter meldete sogar ein Umsatzplus von 22 Prozent auf 758 Millionen Franken. Dies gelang, weil die Firmen von den hohen Bestellungen der Vergangenheit zehrten. Nach der Corona-Pandemie hatten die Kunden besonders viel geordert.

Jetzt kommt der Abschwung voll bei den KMU an Die Frage lautet, wie lange Schweizer Industriefirmen von ihrem Auftragspolster leben können. Eine einheitliche Antwort fällt schwer, weil die Ausrichtungen der Betriebe so unterschiedlich sind. Aber auch die Grösse spielt eine Rolle: Der Sektor wird dominiert von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die nicht an der Börse kotiert sind.

Die Geschäftsentwicklung dieser kleineren Unternehmen folgt jener der grösseren mit etwas Verzögerung. «Die Geschäftslage der Schweizer Industrie-KMU dürfte im zweiten Halbjahr eher schlechter ausfallen als bei den Grossunternehmen», sagt Domagoj Arapovic, Ökonom bei der Bank Raiffeisen.

Ein spezieller Einkaufsmanagerindex für Industrie-KMU, den Raiffeisen erhebt, fiel im Juli auf 46,3 Punkte zurück. Werte unter 50 signalisieren eine Schrumpfung; die Komponente für den Auftragsbestand sank besonders stark. «Die konjunkturelle Schwäche schlägt nun auf die kleineren Firmen durch», sagt Arapovic. Viele KMU seien als Zulieferer tätig. Die Order der Kunden seien nun abgearbeitet, während nur wenig neue Bestellungen einträfen.

Deutschland zieht die Schweizer Firmen runter Die Bestellflut nach der Corona-Pandemie hatte dazu geführt, dass viele Lager bis oben gefüllt waren. Deshalb können die Kunden umso länger zuwarten, bevor sie neu ordern. Während manche Firmen darunter leiden, sehen andere schon Licht am Ende des Tunnels: Swiss Steel, dessen Stahl sehr früh in der Wertschöpfungskette benötigt wird, erwartet im zweiten Halbjahr zwar keine Erholung der allgemeinen Nachfrage – wohl aber, dass die Lager der Kunden sich so weit leeren, dass sie wieder mehr bestellen müssen.

Swiss Steel konnte die Preise im ersten Halbjahr um mehr als 7 Prozent erhöhen und damit die geringeren Verkaufsmengen teilweise kompensieren. Grossunternehmen haben oft eine höhere Preissetzungsmacht und erreichen eine bessere Liquidität als KMU. Handkehrum sind die Grossen abhängiger von externen Finanzierungen. Dort machen sich die gestiegenen Leitzinsen noch nicht überall bemerkbar. Das dürfte sich aber ändern – und Fremdkapital ausgerechnet im schwierigen zweiten Halbjahr weiter verteuern.

Derweil entwickelt sich die Nachfrage in Europa schwach. Vor allem Deutschland ist ein Problem. Für Swiss Steel zum Beispiel ist die Bundesrepublik der grösste Markt; im ersten Halbjahr sank der dort erzielte Umsatz um 15 Prozent. Von den KMU exportieren zwar längst nicht alle direkt über die Grenze, aber oftmals tun es ihre Kunden. «Das Wachstumsmalaise in Deutschland ist vielleicht der wichtigste Sorgenfaktor für Schweizer Industrie-KMU», sagt Raiffeisen-Ökonom Arapovic. Immerhin ist die Nachfrage aus den USA, vor Deutschland, dem wichtigsten Exportmarkt, weiterhin stabil.

Massenentlassungen dürften die Ausnahme bleiben Der schlechte Geschäftsgang bleibt nicht ohne Folgen. Der Textilmaschinenhersteller Rieter kündigte bereits im Juli den Abbau von rund 300 der weltweit 5500 Stellen an; möglicherweise wird es bis zu 600 weitere Stellen erwischen. Swiss Steel durchläuft ohnehin eine Restrukturierung; die Zahl der Mitarbeiter soll weltweit von 9900 zu Jahresbeginn auf rund 9000 per Jahresende sinken.

Doch selbst bei einer Industrierezession wird es wohl keine Entlassungen auf breiter Front geben. «Die Beschäftigung dürfte nicht so stark zurückgehen wie in früheren Konjunkturzyklen. Wegen des Fachkräftemangels wollen viele Industriefirmen ihre Mitarbeiter halten», sagt Raiffeisen-Experte Arapovic. Auch in den Schweizer Einkaufsmanagerindizes halten sich die Subindikatoren zur Beschäftigung den Umständen entsprechend gut.

Nicht für Arbeitnehmer, auch für die Arbeitgeber gibt es Lichtblicke. Während der Druck durch die Konjunktur zugenommen hat, haben andere Belastungen abgenommen: Die Lieferketten funktionieren wieder weitgehend normal. Die Energiepreise sind seit dem vergangenen Winter zurückgefallen; eine Versorgungskrise im kommenden Winter erscheint unwahrscheinlich.

Sturmerprobte Schweizer Die Schweizer Industrie produziert zudem deutlich weniger energieintensiv als etwa die deutsche. Zudem ist die Teuerung in der Schweiz viel niedriger, und der starke Franken zwingt die Firmen seit Jahren, effizient und wettbewerbsfähig zu sein. Deshalb stehen Schweizer Firmen auch im Sturm oft besser da als viele europäische Konkurrenten.




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